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Arbeitspapier für die Gesprächsrunde von Prof. Dr. Dr. Heinz Schott

Der Medizinhistoriker als Vermittler zwischen ,,wissenschaftlicher`` und alternativer Medizin

Alternativmedizin: Schulmedizin der Vergangenheit

Fast alle Methoden, denen wir heute in der sogenannten ,,Alternativmedizin`` begegnen, waren in der einen oder anderen Variante einmal in einer bestimmten historischen Epoche im Kontext bestimmter Kulturkreise (quasi) wissenschaftlich anerkannt und bildeten insofern selber ein Stück Schulmedizin. (Ich erweitere hier den gängigen Begriff Schulmedizin und verstehe darunter medizinische Lehrgebäude, die schulmäßig in einem wissenschaftshistorisch nachweisbaren Kontext entwickelt wurden und allgemeine Geltung besaßen.

Gemeinsame historische Wurzeln

Die heutigen schulmedizinischen Verfahren bergen meines Erachtens in Theorie und Praxis Reste einer vergessenen, wissenschaftshistorisch lokalisierbaren Vergangenheit. Dies trifft gerade für die ärztliche Alltagspraxis zu, wo immer auch gewisse Elemente traditioneller Heilweisen (oft unbewußt) mittransportiert werden. eine ,,rein`` schulmedizinische Behandlung auf naturwissenschaftlicher Basis erscheint mir als eine Abstraktion des tatsächlichen Arzt-Patienten-Verhältnisses. Schulmedizin und Alternativmedizin haben, wenn sie heute praktiziert werden, trotz aller ins Auge springender Gegensätzlichkeit gemeinsame historische Wurzeln, die bis heute in Theorie und Praxis weiterwirken, auch wenn sich die betreffenden Personen dessen nicht bewußt sind.

Als Beispiel könnte man hier die Geschichte der Psychotherapie anführen. In Form der Psychotherapie - vom Hypnotismus in der Mitte des 19. Jahrhunderts bis hin zur Psychoanalyse im frühen 20. Jahrhundert - konnten magische, aber auch religiöse Traditionen in säkularisierter Form von der modernen Medizin (unmerklich) aufgenommen werden. Der klassische Exorzismus, die Teufelsaustreibung, aber auch der klassische Mesmerismus und seine magnetische Krisenërzeugenden Kuren, haben phänomenologisch gesehen sehr viel gemein mit modernen psychokathartischen oder hypnoanalytischen Methoden. Es ist auffallend, wie stark schulmedizinische Psychotherapeuten im ausgehenden 19. Jahrhundert religiöse und magische Ursprünge ihrer Wissenschaft tabuisierten (z. B. Sigmund Freud).

Traditionelle Krankheitskonzepte für Arzt-Patienten-Verhältnis wichtig

Ich halte es auch jenseits der theoretischen Modelle für sehr interessant, das Arzt-Patienten-Verhältnis, die Krankheitsvorstellungen des Patienten und die therapeutischen Handlungen des Arztes auf dem Hintergrund der traditionellen Konzepte zu analysieren. Magen, Leber, Herz und Niere sind als Organe mit Emotionen besetzt, die menschheitsgeschichtlich eingeprägt sind, un die nicht in einer Phase von 20 oder 30 Jahren über Bord geworfen werden können, ob wir diesen Zustand nun begrüßen oder nicht (ich erinnere hier nur an die ethische Diskussion über die Organtransplantation). Auch die ,,Droge Arzt``, von der der Psychoanalytiker Michael Balint gesprochen hat, läßt sich nur schwer naturwissenschaftlich quantifizieren. Der gute Arzt scheint sich eben dadurch auszuzeichnen, daß er weitaus mehr kann und auch mehr tut, als ein Laborautomat oder ein Diagnosecomputer. Ich bin sicher, daß empirische Studien zum Arzt-Patienten-Verhältnis im Hinblick ihre religiösen, magischen und naturheilkundlichen Implikationen interessante Beobachtungen zutage fördern würden. Interdisziplinäre Forschungsprogramme wären hier erst noch zu entwickeln.

Die traditionelle Heilkunde im eigenen Land entdecken

Paradoxerweise hat das westliche Interesse an fernöstlichen Heilmethoden (insbesondere Indien, Tibet und China) die analogen Konzepte der europäischen Tradition keineswegs aufgewertet. So ist heute sehr viel von der traditionellen Heilkunde Chinas die Rede; die betreffenden Protagonisten übersehen dabei allzu leicht die traditionelle Heilkunde Europas, die ja erst im 19. Jahrhundert durch den Siegeszug der Naturwissenschaften abgebrochen wurde. Unsere Bibliotheken sind voll von Zeugnissen dieser Heilkunde, deren Methoden in vielen Fällen keineswegs weniger praktikabel wären, als die traditionelle chinesische oder indische Medizin. Mein medizinhistorisches Credo ist, daß wir Europäer zu diesen außereuropäischen Heilsystemen, zum gesamten Spektrum der Ethnomedizin, nur dann einen wissenschaftlichen Zugang gewinnen, wenn wir unsere eigene Tradition aufarbeiten. Alles andere erscheint mir als Eskapismus.



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werner@ccsr.uiuc.edu
Wed Sep 21 08:46:15 CDT 1994